Was ist Textilkunst? Eine Einführung

Ich bin nicht damit aufgewachsen, dass „Textilkunst“ überhaupt ein Begriff war.

Ich kannte Garn, Stoffe, Fäden. Ich kannte das Gefühl davon in meinen Händen. Ich kannte den Rhythmus des Häkelns, vermittelt von Frauen, die Dinge herstellten, um sie zu nutzen. Aber ich wusste damals noch nicht, dass genau diese Materialien auch Bedeutung tragen können – oder dass ich sie eines Tages mein künstlerisches Medium nennen würde.

Was ist also Textilkunst?

Textilkunst ist eine Form der bildenden Kunst, die textile oder faserbasierte Materialien als Hauptmedium verwendet – Dinge wie Garn, Seile, Fäden oder Stoffe. Dazu gehören Techniken wie Weben, Makramé, Häkeln und Stickerei.

Was Textilkunst besonders macht, ist nicht, dass sie sich vom Handwerk abgrenzt, sondern dass sie daraus entstanden ist. Diese Techniken wurden ursprünglich für funktionale Zwecke entwickelt – um Kleidung herzustellen, Fischernetze zu reparieren oder Häuser zu schmücken. Und sie werden auch heute noch auf diese Weise genutzt.

Im Laufe der Zeit begannen Künstler:innen jedoch, genau diese Methoden einzusetzen, um Werke zu schaffen, die nicht funktional sein müssen – sondern Ausdruck, Form und Idee transportieren. Textilkunst verleugnet ihre handwerklichen Wurzeln nicht. Sie baut darauf auf und verwandelt sie in etwas Ausdrucksstarkes, oft Skulpturales, manchmal Konzeptuelles.

Für mich ist Textilkunst langsam und haptisch. Sie kann leise, emotional und voller Struktur sein.

Ist das nicht... altmodisch?

Das höre ich oft.

Viele Menschen verbinden textile Techniken mit etwas Veraltetem: Deckchen, dekorative Kreuzsticharbeiten, altmodische Spitze. Und ja – diese Traditionen leben in der Textilkunst weiter. Aber sie sind nicht alles.

Zeitgenössische Textilkünstler:innen sprengen Grenzen. Sie mischen Techniken. Sie schaffen großformatige Installationen. Hängen Werke von Decken. Kombinieren Weberei mit Metall, Seilen, Holz oder Stein.

Manche Menschen sind überrascht, wenn sie meine Arbeiten sehen. „Das ist Weberei?“ Ja – aber vielleicht nicht die Art, die du dir vorgestellt hast.

„We Will Win: Our Banner in the Sky (nach Frederic Edwin Church)“ (2020), Baumwollkordel, Nylon, Paracord, Stoff und Bänder, 213 x 274 x 30 cm, 305 cm Aufhängestange. Foto von Ian Vecchiotti.

Makramé, Weberei & mehr (aber modern gedacht)

Die beiden Techniken, zu denen ich am häufigsten zurückkehre, sind Makramé und Weberei – wobei ich sie oft zu dem verbinde, was man Macraweaving nennt.

  • Makramé arbeitet mit Knoten. Es ist rhythmisch, skulptural und zutiefst meditativ. Viele kennen es von Pflanzenhängern aus den 70ern, aber es kann auch kraftvoll, minimalistisch und architektonisch sein.

  • Weberei bedeutet, Fäden auf einem Webrahmen über- und untereinander zu führen. Manche Rahmen passen in den Schoß, andere füllen ganze Räume. Weben fühlt sich an wie Bauen – mit Weichheit.

Dann gibt es noch Stickerei, Filzen, Häkeln… alles wunderschöne Techniken. Und immer mehr Künstler:innen kombinieren sie auf mutige, unerwartete Weise. Es gibt keine Regeln mehr – nur Fäden und Geschichten.

Textilkünstler:innen, die man kennen sollte

Wenn du neugierig bist, wie sich Textilkunst heute entwickelt, findest du hier einige zeitgenössische Künstler:innen, die traditionelle Techniken auf kraftvolle Weise neu denken:

  • Sheila Hicks – Bekannt für monumentale Installationen und skulpturalen Einsatz von Farbe und Garn.

  • Magdalena Abakanowicz – Pionierin der textilen Skulptur, verbindet Form und Emotion.

  • Erin M. Riley – Wandteppiche mit rohen, persönlichen Narrativen, die Konventionen herausfordern.

  • Judith Scott – Schuf eingewickelte, kokonartige Skulpturen voller Rätsel und Symbolik.

  • Tanya Aguiñiga – Mexikanisch-amerikanische Künstlerin, die Aktivismus, Textil und Gemeinschaft verbindet.

  • Liza Lou – Arbeitet mit Tausenden Glasperlen in großformatigen, meditativen Installationen.

  • Alexandra Kehayoglou – Webt Landschaften aus Wolle, verwurzelt in ökologischer Achtsamkeit.

Diese Künstler:innen nutzen Fäden nicht nur zur Dekoration, sondern als Sprache – für Erinnerung, Politik, Zugehörigkeit, Körper und Raum. Jede einzelne zeigt: Textilkunst ist nicht nur relevant, sondern auf ihre stille Art radikal.

Weitere Inspiration findest du auf meinem Pinterest-Board: Modern Fiber Art & Artists

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